IG Metall Celle-Lüneburg
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18.09.2021, 02:09 Uhr

Interview mit der Spitze der IG Metall Celle-Lüneburg

"Die Arbeitgeber wollen sich ihrer Verantwortung entziehen!"

  • 12.11.2020
  • Aktuelles

Das zu Ende gehende Jahr 2020 ist von der Corona-Krise geprägt. In vielen Betrieben herrscht große Verunsicherung und viele Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Die Bevollmächtigten der IG Metall Celle-Lüneburg im Gespräch.

Rainer Näbsch (l.) und Lennard Aldag (r.), 1. und 2. Bevollmächtigter der IG Metall Celle-Lüneburg

Das zu Ende gehende Jahr 2020 ist von der Corona-Krise geprägt. In vielen Betrieben herrscht große Verunsicherung und viele Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Was sagt ihr den Kolleginnen und Kollegen.

Rainer Näbsch: Ja, die Pandemie hat die Menschen fest im Griff. Viele Kolleginnen und Kollegen spüren unmittelbar die Auswirkung der Pandemie, etwa durch Kurzarbeit und die dadurch entstehenden Entgeltverluste. Jedoch ist das Gesamtbild nicht einheitlich. Es gibt auch durchaus Branchen, die sehr wenig von Corona zu spüren bekommen. Um die Auswirkungen abzumildern hat die IG Metall sich schon sehr früh für eine massive Ausweitung der Kurzarbeiterregelung eingesetzt. Das bringt Sicherheit, insbesondere, wenn von den Betriebsräten eine ordentliche finanzielle Aufstockung über den gesetzlichen Rahmen hinaus, vereinbart werden konnte. Und eines ist auch klar: Besser wir finanzieren Kurzarbeitergeld als Arbeitslosigkeit. Und auch die Regelungen zur Kinderbetreuung und deren Verankerung im Bundesinfektionsschutzgesetz, sind auf Initiative der IG Metall zustande gekommen und haben in der Zwischenzeit in vielen Familien die gröbsten Härten abgefedert. Die Liste könnte ich jetzt noch weiter fortführen.

Lennard Aldag: Rainer hat recht, jedoch beobachten wir auch, wie sich einige Arbeitgeber ihrer gesellschaftlichen Verantwortung für ihre Belegschaften zu entziehen versuchen. Keine Aufstockung des Kurzarbeitergelds ist so ein Thema. Für einige der Betriebe, denen es wirtschaftlich trotz der Krise gut geht, scheint die Zahlung des Kurzarbeitergeldes durch die Bundesanstalt für Arbeit einem Lottogewinn gleich zu kommen. Gesparte Sozialabgaben werden nicht sozialisiert, sondern wandern in die eigene Tasche. Auch beobachten wir vermehrt, das unter dem Deckmantel Covid-19 immer häufiger Betriebsräte unter Druck gesetzt werden, damit sie Sparprogrammen und Personalabbau zustimmen. Dagegen wehren wir uns natürlich und stellen uns ohne Wenn und Aber an die Seite der Belegschaften. Da wo es wirklich existenzbedrohend für die Betriebe wird, haben wir immer an guten Lösungen für den Erhalt von Arbeitsplätzen mitgearbeitet.

 

Die nächste Tarifrunde steht vor der Tür. In den Betrieben finden überall Diskussionen um die Forderungen statt. Was muss in dieser Tarifrunde angefasst werden?

Lennard Aldag: Die Arbeitgeber sagen immer, die Situation für Lohnerhöhungen oder Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und Übernahme der Auszubildenden ist nicht gut. Das sagen sie auch dieses Mal. Wenn man sich aber mal die Rahmendaten dieser Tarifrunde anschaut, stellt man sehr schnell fest, dass es Spielräume gibt. Zur Stärkung der Einkommen und für die Finanzierung der Beschäftigungssicherung – z.B. den Teillohnausgleich bei Arbeitszeitabsenkung – soll ein Volumen von bis zu 4 Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten gefordert werden. Außerdem muss es Anpassungsschritte zur Beseitigung der immer noch anhaltenden Schlechterstellung der ostdeutschen Beschäftigten bei Arbeitszeit und Stundenentgelt geben. Auch tarifliche Regelungen zur Verbesserung der Ausbildung und des dualen Studiums, insbesondere die unbefristete Übernahme der Ausgebildeten sollen Gegenstand der Forderung sein.

Rainer Näbsch: Da möchte ich Lennard zustimmen, denn die Beschäftigten haben den Arbeitgebern im März 2020 einen „zinslosen Kredit“ gewährt, indem die Entgelttabellen um weitere neun Monate fortgeschrieben wurden und damit die Inflationsentwicklung 2020 keine Berücksichtigung fand. Der private Verbrauch, der in den vergangenen Jahren das Wirtschaftswachstum in Deutschland maßgeblich getragen hat, ist in 2020 eingebrochen und bremste das Wachstum. Es ist daher aus unserer Sicht geboten, die Einkommen zu stabilisieren. Die Wirtschaftsliberalen können nicht auf der einen Seite das Sterben des Einzelhandels beklagen und auf der anderen Seite Entgeltabstinenz fordern. Der private Verbrauch war in den letzten Jahren eine entscheidende Stellschraube unseres Wachstums. Hinzu kommt die Notwendigkeit, Maßnahmen der Sicherung von Beschäftigung und Ausbildung zu finanzieren. Und ich möchte zum Schluss daran erinnern, dass die letzte tabellenwirksame Erhöhung der Entgelte in der Metall- und Elektroindustrie ist im April 2018 erfolgt ist.


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